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Metamorphosen
Silke Helmerdig, Stefanos Pavlakis, Jens Schünemann, Sabine Wild
Ausstellung vom 03.09.2022 – 01.10.2022

Part 1 (analog): Silke Helmerdig und Jens Schünemann

Silke Helmerdig und Jens Schünemann zeigen eine interaktiv-performative Projektion zweier Serien analoger Diapositive auf beide Seiten einer halbtransparenten, frei im Raum stehenden Leinwand. Der Takt der Serie ist vorgegeben, aber Sensoren stören die Abfolge der Projektion: Sie reagieren auf Bewegung, indem sie sich in den Projektionstakt einschalten. So entstehen aus zwei Reihen von Bildern immer wieder neue, sich nie wiederholende Komposita – eine sich immer wieder neu fortsetzende Reihe von Metamorphosen, selbst immerwährender Metamorphose unterworfen.

Part II (digital): Stefanos Pavlakis und Sabine Wild

Stefanos Pavlakis und Sabine Wild präsentieren Fotografien des Bergmassivs „Horseshoebend“ im Grand Canyon, USA, die sie sich aus fotografischen Onlinearchiven angeeignet haben. Über 670.000 Mal (Stand Februar 2022) wurde das landschaftliche Motiv „Horseshoebend“ von Besucher*innen abgelichtet und ins Netz gestellt. Pavlakis und Wild beschäftigt der Schnittpunkt zwischen Individualität und populärer Bildsprache, der Suche nach Erhabenheit im Kontext einer millionenfach fotografierten ikonischen Landschaft.

 


Mario Dollinger und Sabine Wild
Cuts and Shapes

Ausstellung vom 07.10.2022 – 12.11.2022

Abbildung: © links: Sabine Wild, rechts Mario Dollinger


CUTS & SHAPES – Eine Ausstellung von Sabine Wild und Mario Dollinger

In dieser Ausstellung begegnet uns Fotografie im Gedanken einer künstlerischen Ausdrucksform, und nur am Rande im Sinne der Dokumentation. Und doch gelingt es Sabine Wild und Mario Dollinger mit ihrer Kunst exakte Bilder der Gegenwart und ihrer Wirklichkeit herzustellen. Sie tun dies auf sehr unterschiedliche Weise, beziehen sich mit ihren Arbeiten aber auf ein gemeinsames Thema: Es geht um Architektur, um ihr Abbild und ihre Bedeutung für den Menschen.

Sabine Wild hat für ihren Ausstellungsbeitrag als Rohstoff digitale Farbfotos verwendet, die sie in Vorstädten der chinesischen Megacities Hongkong und Chongqing sowie im amerikanischen Las Vegas aufnahm. Dieses Material unterzog sie einer Nachbearbeitung per Hand: Nachdem sie die Fotos je zweimal ausgedruckt hatte, schnitt sie diese präzise in schmale Streifen und montierte sie dann in einem Verfahren, das an das Weben erinnert, wieder zusammen. So entstanden ineinander verschachtelte, sich seriell wiederholende und bildfüllende Architekturansichten mit zahllosen Details. Ihre Cuts zeigen zugleich reale wie auch fiktive Stadtveduten. Es sind komplex verschachtelte Ansichten von Wohnbatterien für Menschen, die gegenüber den tatsächlich existierenden Hochhausblocks in den Suburbs von Hongkong oder Chongqing durch die künstlerische Intervention einen phantastisch irrealen Charakter annehmen. Die real existierenden, als Massensiedlungen für Menschenmassen bestimmten Plattenbauten werden durch das von Sabine Wild eingesetzte Verfahren präziser Montage bildnerisch in eine noch größere, geradezu absurd gigantische Dimension überführt und damit zu einer Science Fiction der ambivalenten Art erklärt. Aber mehr noch: Denn mit dieser Methode der „Übertreibung“ gelingt es Sabine Wild, die Situation in solchen Wohnanlagen hyperreal zu charakterisieren. Solches geschieht aufgrund der Fähigkeit, die Fotomontage künstlerisch einzusetzen!

Mit dem von Wild als „weiblich“ bezeichneten „Weben“ – dem Zusammenfügen von Bildstreifen – setzt sie, wie sie äußert, den zumeist von Männern entworfenen Architekturdystopien gigantischer Plattenbausiedlungen einen femininen Kommentar entgegen. Über das Zerschneiden und Fragmentieren sagt die Künstlerin: „Was zunächst harmlos erscheint, entpuppt sich als subversive Geste. Ich zerstöre Architektur und verwebe sie aufs neue. Linien und Formen fallen auseinander, die Bildebene bricht auf und erlaubt – so scheint es mindestens – den Blick auf etwas “dahinter”. Wo die Balkone ins Tanzen geraten, kommt wieder etwas Freude, Spiel und Luft in die stringente Ordnung.“

Das „Dahinter“, von dem die Künstlerin spricht, wurde ihr bewusst, als sie bei der präzisen Arbeit des Zerschneiden und Montierens der Streifen genau hinsieht und erkennt, dass die Kinderwäsche, die auf zwei benachbarten Balkons zum Trocknen hängt, identisch ist. Die Frage, ob dort zwei befreundete Familien mit gleichaltrigen Kindern leben und gemeinsam einkaufen drängt sich der Künstlerin auf. Solche Beobachtungen im Sozialen beschreiben Wirklichkeit genauer als viele Zahlen und Statistiken; Fotografie wird bei Sabine Wild demnach nicht allein zum phantastischen Abbild, zu einem gewebten Stakkato, das formal überzeugt und visuell überrascht, Fotografie ist zudem soziale Beobachtung und Aussage, demnach hier eine Möglichkeit der Kritik an einer Lebensform, die, wie die Künstlerin feststellt, vorrangig von Männern für Menschen geplant wird.    

Der Ausstellungsbeitrag von Mario Dollinger zeigt einen Ausschnitt aus seinem Fotoprojekt Cluster II. Dies ist ein Work in Progress, an dem der Künstler bereits seit zehn Jahren arbeitet und das mittlerweile aus rund 50 Farbfotos besteht. Cluster II widmet sich, so sagt Mario Dollinger: „ …der Betrachtung und der künstlerischen, fotografischen Wiedergabe von LICHT. Im Raum, auf Oberflächen, als Farbe, als Form, am Himmel. Cluster II ist für mich auch ein synästhetisches Projekt: Ein fotografisch erzeugtes, modernes und elektronisches Musikstück, gegliedert in 8 Abschnitte: intro – form – photone – raum – derealisation – interludium – oberflaechen – epilog“.

Cluster II ist ein offenes Werk, dessen Konzept so angelegt ist, dass einzelne Arbeiten wie auch Gruppen von Fotos ausgestellt werden können. Solches geschieht bei CUTS & SHAPES, wo Dollinger elf Arbeiten von Cluster II zeigt; sie wurden allesamt in analoger Fototechnik hergestellt. Es gab so gut wie keine Postproduktion mittels Photoshop und nur minimale Beeinflussung von Farben und Kontrasten im Labor oder am Computer. Im Kontext der Entstehung von Cluster II macht Dollinger immer wieder per Smartphone-Fotografie digitale Aufnahmen, sozusagen Skizzen für sein weiteres Vorgehen. Diese digitalen Bilder veröffentlicht er in Social Media Kanälen – ab nur dort, es sind und bleiben Vorarbeiten! Bei seiner analogen Fotografie wird alles vollformatig abgelichtet und genauso präsentiert.

Cluster II entwickelt sich demnach über einen langen Zeitraum auf einem Weg bewusster Hinwendung an die Welt und ihre Licht-Phänomene. Dafür fotografiert Dollinger an unterschiedlichen Orten – in Museen und U-Bahnhöfen, auf der Straße mit Blick auf Wände, Gegenstände und zum Himmel, auf Dachböden oder in Kirchen. Solches geschieht spontan wie auch mit Vorsatz: „Mal finde ich etwas Passendes im Vorübergehen, mal laufe ich bewusst los, z.B. in ein Museum, und arbeite zielgerichtet an der Serie.“ In der gemeinsamen Ausstellung mit Sabine Wild zeigt Mario Dollinger einen konzentrierten Auszug von Cluster II: „Verbindendes Element von beiden Arbeiten ist für mich das Neu-Betrachten, die Neu-Wahrnehmung von Architektur und Form.“ Dollingers Extrakt betont das Architekturräumliche plus der vorgefundenen Lichtwirkungen, die er vor Ort fotografisch festhielt und gekonnt inszeniert hat: so die Erscheinung eines intensiv blauen Himmels, gesehen durch ein kreisrundes Loch in der Decke, die Wirkung von Neonlicht in serieller Reihung samt der Lichtaura, die sie umgibt, oder aber die Abstufungen von Weiß- und Grautönen in einer schwer zu definierenden Raumsituation, die zugleich ideal erscheint und doch völlig vage und ungeklärt bleibt. Es sind Fotos, die nicht verraten, welche Funktion die Orte besitzen, an denen sie entstanden – ob es Tiefgaragen sind, Lagerstätten, moderne Kirchen- oder Kellerräume? Letztlich ist dies ist auch nicht von großer Bedeutung, denn mit der Lichtführung und im Zusammenspiel mit den geometrischen Strukturen entstehen Bilder einer Welt jenseits des Alltags und seiner Banalität. Dollinger zeigt uns Orte und Situationen der Wirklichkeit, als wären sie in eine unglaubliche Melancholie und Ernsthaftigkeit verfallen, als wäre ein Bann oder Richtspruch über sie ergangen, als würden sich in ihnen Schicksale erfüllen. Seine Räume sind mit irgendetwas aufgeladen, das nur schwer mit Sprache zu beschreiben ist – hier wirkt ein Art von magischem Realismus. Mario Dollinger Fotos zeigen etwas bedrohlich Dunkles aufgrund ihrer Menschen-Leere, und doch auch etwas Tröstliches, vielleicht deshalb, weil wir alle solche Orte kennen – in uns und außerhalb von uns … es sind Orte unserer Zeit.            

Peter Funken, Juni 2022

 


Voraussichtlich im Winter 2022

Stefanos Pavlakis:
MATERIAL CITIES: [CORRUGATED]

Built on several hills hosting three million people, Antananarivo, the capital of Madagascar, abruptly transitions into rice fields on all sides. The city is defined by two materials: mud bricks and corrugated steel. Countless corrugated steel and aluminum fences weave their way throughout the capital and its outskirts. The material itself is relatively cheap and locally produced, thus is used for everything, from fencing for construction sites and barriers to close off roads or keep the public off of private property, to an all-purpose construction material used to seal unbuilt houses, to designate fields and stables and to protect urban farmland or sacred sites.

When it rains, the water falls onto the wavy steel roofs making the city sound like one huge industrial instrument. Material Cities is meant as a playful homage to Object Oriented Ontology, a vein of philosophy that holds that Western thought has been calibrated by an exclusive focus on human life, with severe implications for understanding our species’ dependencies on other life forms and on inorganic matter. What if mundane materials were enigmatic forces?

MATERIAL CITIES: [CORRUGATED]

Erbaut auf mehreren Hügeln, die drei Millionen Menschen beherbergen, geht Antananarivo, die Hauptstadt von Madagaskar, zu allen Seiten abrupt in Reisfelder über. Zwei Materialien prägen die Stadt: Lehmziegel und Wellblech. Unzählige Wellblech- und Aluminiumzäune ziehen sich durch die Hauptstadt und ihre Außenbezirke. Das Material selbst ist relativ billig und wird vor Ort hergestellt, daher wird es für alles verwendet: von der Umzäunung von Baustellen und Barrieren, um Straßen abzusperren oder die Öffentlichkeit von Privatgrundstücken fernzuhalten, bis hin zu einem Allzweck-Baumaterial, das verwendet wird, um ungebaute Häuser abzudichten, Felder und Ställe zu kennzeichnen und städtisches Ackerland oder heilige Stätten zu schützen.
Wenn es regnet, fällt das Wasser auf die gewellten Stahldächer und lässt die Stadt wie ein einziges riesiges industrielles Instrument ertönen.
Material Cities ist eine spielerische Hommage an die objektorientierte Ontologie, eine Richtung der Philosophie, die davon ausgeht, dass das westliche Denken durch den ausschließlichen Fokus auf das menschliche Leben kalibriert wurde, was schwerwiegende Folgen für das Verständnis der Abhängigkeiten unserer Spezies von anderen Lebensformen und anorganischer Materie hat.
Was wäre, wenn alltägliche Materialien rätselhafte Kräfte wären?

Stefanos Pavlakis 2020

 


Voraussichtlich Anfang 2023

Angela Bröhan
Konstruktion – Dekonstruktion
Architekturcollagen

 

© Angela Bröhan


Charly Hall
Meine Gedanken sind Wald

Ausstellung vom 15. April bis 13. Mai 2023

 

 

Charly Hall: Meine Gedanken sind Wald

Im ersten Winter der Coronapandemie, Ende November 2020, hat es sich Charly Hall zur Aufgabe gemacht, zu Fuß von München nach Paris zu gehen. Diesen Weg hat er mit Kamera, Papier und Stift dokumentiert. Das dabei entstandene Werk ist zart und poetisch. Es zeigt in Nebel gehüllte Eindrücke der Winterlandschaft im Süden Deutschlands. Gleichzeitig scheint es den mentalen Zustand dieses Winters in einer globalen Krise zu schildern, in der sich der Verlauf von Zeit zugleich verlangsamt und beschleunigt zu haben scheint. Es erzählt von Einsamkeit und einer geradezu existentiellen Erfahrung, an der Grenze zur Selbstqual.

Der Filmemacher Werner Herzog, dessen Werk für Hall seit seiner Kindheit prägend ist, inspirierte ihn zu seiner Reise. Herzog hielt seinerseits diese Reise mit allen ihren Stationen, die er 23.11. bis 14.12.1974 zu Fuß unternahm, in einem Notizbuch fest. Seinem Reisebericht gab er den Titel „Vom Gehen im Eis“. Anlass für diesen Marsch war die schwere Erkrankung der Filmkritikerin und geistigen Mutter des neuen deutschen Films, Lotte Eisner, die in ihrer Wohnung in Paris dem Sterben nahe lag. In einem beschwörenden Duktus beschreibt Herzog, wie er sie vom Sterben abhalten will, indem er diese Pilgerreise auf sich nimmt.

Halls akribisch genauer Nachvollzug dieser Reise, exakt am gleichen Tag 46 Jahre später beginnend, genau die gleiche Route nehmend, hat er selbst als den Versuch beschrieben, der „ekstatischen Wahrheit“, die Herzog in seinen Filmen auszudrücken versucht, nahe zu kommen und dieser nachzuspüren. Der Nachvollzug dieses Weges lässt sich als Reflexion über das Wesentliche des Lebens lesen, eine Frage, wie die Natur zum Spiegel der Befindlichkeit wird, und zugleich ein Porträt über den Zustand Deutschlands in der Pandemie – nicht, wie man es vermuten könnte in der Mitte einer Großstadt, sondern in der Peripherie.

Die Fotografien sind menschenleer, grauer Himmel und Feldwege lösen sich mit ebenso wenig farbintensiven Dorfrändern ab. Halls Reisenotizen erzählen von dem deutschen Topos, dem Wald, der den Künstler immer weiter absorbiert, sodass sich zwischenzeitlich die Grenzen zwischen dem Mensch und der Natur aufzulösen scheinen – die Gedanken zu Wald werden. Als die Natur den Wanderer wieder in die Zivilisation entlässt, ist das Misstrauen der Dorfbewohner:innen gegenüber dem einsamen Wanderer spürbar. Diesem auf sich selbst Zurückgeworfen-sein, eine Erfahrung, die in dieser Phase des Lockdowns eine kollektive war, vermag Hall mit seinem Fotoessay eine poetische Form zu verleihen.